Werkstatt:
Ver_Körpern: Formen von Drag

Anschließend an das erste Treffen zur Perspektive „Ver_Körpern“, beschäftigten wir uns beim zweiten Treffen mit Fragen zu Geschmack: Wie hängen meine ästhetischen Vorlieben mit meiner Herkunft, meinem Bildungsweg oder meinem Selbstverständnis zusammen? Inwiefern und weshalb unterscheiden sich unsere Vorstellungen dessen, was „gute Kunst“ sei, was wir als „schön“ oder als „hässlich“ empfinden? Dabei interessierte uns der Zusammenhang zwischen Geschmack und (Körper)Normen. An Schulen lässt sich dieser an Beispielen von „Lookism“, also an Diskriminierungen aufgrund des Aussehens beobachten. In ihrem Glossarbeitrag schreibt Hengameh Yaghoobifara dazu, dass in erster Linie diejenigen „be- und abgewertet (werden), die nicht in sogenannte Schönheits- und Attraktivitätsnormen passen.“ Dabei könnten „sowohl äußerliche Merkmale, die veränderbar sind, wie zum Beispiel die Kleidung, die Brille oder der Haarschnitt, als auch angeborene, wie etwa die Hautfarbe, die Nasenform oder die Haarstruktur, aber sogar die Körperbehaarung oder die Figur einer Person (...) dazu führen, dass eine Person Lookismus erfährt.“
Wie können wir in Unterrichts- und Vermittlungssituationen bei den Beteiligten eine Aufmerksamkeit für diese Art der Ausgrenzung schaffen?

Nach einem gemeinsamen close-reading eines Textes von José Esteban Muñoz zum „terroristic drag“ von Performancekünstler*in Vaginal Creme Davis, haben wir unter Anleitung von Nanna Lüth kurze praktische Übungen durchgeführt. In diesen haben wir mit Möglichkeiten experimentiert, wie wir Geschmackskonventionen in unserer Zusammenarbeit thematisieren und queeren, also gegen den Strich bürsten können. In Selbstversuchen haben wir untersucht, wie wir uns als Künstler*innen und Lehrkräfte mit Begehren und dem ‚sozialen Körper’ als einem Körper, auf den Normen und Konventionen projiziert werden, auseinandersetzen wollen. Und wie eine solche Auseinandersetzung gemeinsam mit Jugendlichen weiterzuführen wäre. Drag haben wir dabei als künstlerische Strategie aufgefasst, mit Hilfe derer wirkmächtige Kategorien („Mann“/„Frau“; „schön“/„hässlich“; „gesund“/„krank“; „virtuos“/„amateur*innenhaft“) infrage gestellt werden können. Uns hat interessiert, wie Formen von Drag zur Veruneindeutigung ‚sozialer Körper’ und damit zu Befragung der eigenen geschmacklichen Zuschreibungen im (Kunst)Unterricht eingesetzt werden könnten.

Bei einem der Experimente ging es wortwörtlich um das Erproben von Geschmack beim Verkosten von Schokolade, Karamell, Ingwer, Pfefferminze, Kiwi, Oliven und Apfel mit verbundenen Augen. Für unseren Geschmackseindruck sollten wir jeweils – weiterhin mit verbundenen Augen – eine zwei- oder dreidimensionale Übersetzung mit Buntstiften oder Knete finden. In einer anderen Übung untersuchten wir, ausgehend von den Arbeiten der Fotografin Marianne Wex, die geschlechtliche Codierung von Körpersprache. Im letzten Teil tauschten wir uns in Kleingruppen über mitgebrachte Beobachtungen, Erzählungen oder Dinge zum Thema „Ver_Kleiden oder Ver_Körpern von Differenz(en)“ aus; einige Gruppen präsentierten eine gemeinsame Stellungnahme. Im Plenum wurden schließlich die gewonnenen Erfahrungen und Ideen reflektiert.

Gast: Prof. Dr. Nanna Lüth

Termin: Freitag, den 07.12.2017, 10:00-18:00

Literatur zum Treffen